Kuba – Auf dem Weg zur Zukunftsfähigkeit?!

von Edgar Göll

In Kuba existieren trotz aller internen und den immensen externen Problemen (Blockade und kalter Krieg durch die USA) interessante politisch-gesellschaftliche Steuerungs- und Regulierungsversuche und Einzelmaßnahmen im Bereich von Umwelt und Nachhaltigkeit.

Erstaunliche Einschätzungen zu Nachhaltigkeit in Kuba

Nach Einschätzung des Berichts „The Ecological Footprint“ ist Kuba sogar eine Art Vorbild für Zukunftsfähigkeit. Diese Studie von 2005, deren Ergebnisse in der Studie von 2006 bestätigt worden sind, ist vom Global Footprint Network (GFN) gemeinsam mit dem WWF und der IUCN herausgegeben worden. Darin wurden Daten von 150 Nationen zusammengestellt. Ein Schaubild setzt die Lebensqualität in den Ländern - von der UN per “Human Development Index” (HDI) eingeschätzt - ins Verhältnis zum jeweiligen “ökologischen Fußabdruck”, der sich aus dem Pro-Kopf-Verbrauch an Ressourcen ergibt. Anschaulich wird so, dass viele Länder weit über die Verhältnisse leben, während in vielen and ren Mindeststandards unterschritten werden. Eine nachhaltige Entwicklung ist laut Bericht dann gegeben, wenn der HDI mindestens 0,8 beträgt, der ökologische Fußabdruck maximal 1,8 Hektar. Als einziges Land hat diese Werte bislang Kuba erreicht (0,81 HDI, 1,4 Hektar). 2001 benötigte die Menschheit den Untersuchungen zufolge etwa 2,2 Hektar Land pro Kopf. Zur Verfügung stehen jedoch nur 1,8 Hektar. Die Verursacher dieser Schieflage werden im GFN-Bericht klar benannt: US-Amerikaner verbrauchen das sechsfache, EU-Bürger das drei- bis vierfache der ihnen zukommenden Naturressourcen.

Aber wie kommt es dazu, dass Kuba in Sachen sozial-ökologischer Politik bzw. nachhaltiger Entwicklung so relativ hervorragend dastehen kann? Hierzu existieren förderliche Rahmenbedingungen wie z.B. klare Aussagen in der Verfassung, Gesetze und Programme. Zahlreiche und sehr vielfältige Politiken, Programme und Aktivitäten sind zur Reduzierung des Ressourcenverbrauchs und der Umweltverschmutzung im Einsatz, sie sollen nachhaltige Verhaltensweisen anregen und unökologische Prozesse abstellen. Besonders positiv hervorzuheben sind die Kampagnen, wie z.B. das im Dezember 2005 gestartete „Jahr der Revolution im Energiesektor Kubas“, mit der einzelne Ansätze verknüpft und neue Impulse gegeben werden und so zu spürbaren positiven Ergebnissen beitragen sollen – inzwischen gibt es erste positive Ergebnisse im Bereich Energieeinsparungen.

Für ein vergleichsweise hohes Niveau der sozialen Dimension ist Kuba bereits weit über seine Grenzen hinaus berühmt und geschätzt. Die hohe Priorität von Gesundheit und Bildung ist geradezu legendär, wenngleich – wie auch bei der ökologischen Dimension – durch sehr begrenzte Finanzressourcen beeinträchtigt. Besonders erwähnenswert sind die direktdemokratischen Beteiligungsprozesse in Stadtteilen, die Ansätze für LA-21-Prozesse in einigen Kommunen und die Umweltbildungsmaßnahmen in den Schulen.

Die institutionellen Aspekte nachhaltiger Entwicklung sind in Kuba durch diverse Gesetze und weitgehende Regelungen für alle wesentlichen Felder und sogar Wirtschaftssektoren bzw. Politikfelder formuliert. Doch wie in allen anderen Gesellschaften klafft eine Lücke zwischen den Zielen und Vorgaben, und deren Umsetzung und Verwirklichung. Hierzu dürfte auch die teilweise starre Bürokratie und Hierarchie des politischen Systems in Kuba beitragen.

Eine Besonderheit Kubas dürfte wohl darin bestehen, dass dort auch in kultureller Hinsicht gewisse Nachhaltigkeitsfaktoren unterstützt und gestärkt werden, was durch die Regierung, die verschiedenen Bildungseinrichtungen und durch die (staatlichen) Medien transportiert und bewirkt wird. Hier spielt auch ein hohes Maß an Internationalismus eine Rolle, der von der kubanischen Regierung in außerordentlich hohem Maße und aufgrund diverser Interessen aber auch humaner Grundsätze praktiziert wird. Hierfür gibt es zahlreiche Beispiele.

Die ökonomische Dimension der Nachhaltigkeit kann als prinzipiell positiv angesehen werden, wenn es um die Erfüllung prioritärer Bedürfnisse der Bevölkerung geht. Doch da es vor allem und insgesamt sowohl an ökonomischer i.e.S. als auch an ökologischer Effizienz (z.B. Ressourceneffizienz) mangelt, ist dies wohl die insgesamt schwächste Nachhaltigkeitsdimension in Kuba. Aufgrund einer immer noch verbreiteten „Mangelsituation“ wird jedoch sehr intensiv Recycling betrieben und eine Verschwendung wie in westlichen Gesellschaften ist in Kuba bei weitem noch nicht erreicht. Und in technologischer Hinsicht werden in bestimmten Feldern außerordentliche Anstrengungen unternommen, um hier voranzukommen (insb. Informationstechnologien, Biotechnologien, Pflanzenmedizin).

Auch in Sachen Modernisierung der Stromversorgung und Sparkampagnen wurde einiges geändert. Bis vor kurzem war die Stromversorgung in Kuba sehr zentral orientiert. Vor allem das Kraftwerk in Matanzas war Hauptversorger in das Stromnetz. Nachdem es dort 2004 zu einem schwerwiegenden Defekt gekommen war (einige der Kraftwerke sind/ waren bereits vor 1959 gebaut worden), wurde im folgenden Zeitraum die Stromversorgung stark modernisiert (durch Dieselgeneratoren) und dezentralisiert und damit auf eine breite Basis gestellt und spürbar stabilisiert. Im Zuge der Ende 2005 ausgerufenen „energetischen Revolution“ werden u.a. 262 Mio. US$ für die Modernisierung und Instandsetzung des maroden Stromnetzes aufgewendet. In den vergangenen Jahren – und intensiviert mit der „energetischen Revolution“ – kam es zu umfassenden Energiesparkampagnen vor allem im Bereich der Elektrizität. Flankiert durch entsprechende Beiträge in Medien und der Thematisierung in den Betrieben wurden zahlreiche moderne energieeffiziente Geräte – sehr häufig chinesischer Herstellung und zu günstigen Konditionen – verteilt und dadurch alte „Stromfresser“ ersetzt. Dies gilt vor allem für Kühlschränke, Fernsehgeräte, Ventilatoren und Klimaanlagen US-amerikanischer oder sowjetischer Herkunft. So gut wie flächendeckend erfolgte insbesondere der Eintausch moderner Energiesparlampen, Kochplatten, Tauchsieder, Schnell- bzw. Dampfkochtöpfe, Reiskocher etc. Zugleich wurden und werden die herkömmlichen Glühlampen weitgehend gratis gegen Sparlampen, die 80 Prozent weniger Energie verbrauchen, ausgewechselt: die bislang weit verbreiteten 60-Watt-Glühbirnen werden durch Sparlampen der Klassen 7, 15 oder 20 Watt ausgetauscht.

Verursachungszusammenhänge und Bestimmungsfaktoren

Die hier als insgesamt positiv eingeschätzte Umwelt- und Nachhaltigkeitssituation Kubas kann nicht primär einem etwaigen gesellschaftlichen Konsens bzw. weit verbreiteten Verhaltensmustern – also allgemein geteilter Einsicht und einem flächendeckenden gesellschaftlichen „Nachhaltigkeitsbewusstsein“ oder gar solcher Art verinnerlichte Verhaltensweisen der Kubanerinnen und Kubaner – zugeschrieben werden. Solche Elemente sind zwar nicht zuletzt wegen der nachhaltigkeitsbezogenen Öffentlichkeitsarbeit in diesem Sinne durchaus vorhanden, allerdings allem Anschein nach weder hinreichend verbreitet noch fest verankert. Zudem wäre eine solche Verankerung in der gesamten Bevölkerung angesichts der nichtnachhaltigen (Praxis-)Tradition und Umgebung (kapitalistische Ökonomien, neoliberal dominierter Weltmarkt) auch höchst unwahrscheinlich und verwunderlich.

Der grundlegende strukturelle Faktor für die insgesamt vergleichsweise niedrige Umweltbelastung in Kuba ist vor allem das Niveau der sozioökonomischen Entwicklung, also der Stand (in quantitativer und qualitativer Hinsicht) der Produktivkräfte und der daraus sich ergebenden Lebens- und Konsumweise. Dieser Faktor weist vielfältige Facetten auf, wie z.B. den niedrigen Motorisierungsgrad (motorisierter Individualverkehr), der niedrige Wohnraumverbrauch, die geringe Verbreitung von Elektrogeräten, das bescheidene Industrialisierungsniveau, der im Vergleich zum verschwenderischen Verbrauchsniveau der OECD-Staaten geringe Ressourcenumsatz pro Kopf (von westlichen Kommentatoren gerne und unreflektiert – also ideologisch – als „Mangelwirtschaft“ bezeichnet). Diese Ausprägungen ziehen selbst unter Berücksichtigung der noch niedrigen Ressourceneffizienz in Kuba eine insgesamt recht geringe Umweltbelastung nach sich. Vom Standpunkt der einzelnen Bürgerinnen und Bürger heißt dies allerdings, dass die Möglichkeiten zum Kauf von Konsumgütern etc. im Vergleich mit „westlichen“ Standards beschränkt sind. Doch das bedeutet auch, dass Kuba auf dem derzeitigen Verbrauchsniveau keine Suffizienzrevolution benötigt, wie dies in EU-Staaten, den USA und Japan der Fall ist – doch dort sind noch Innovationsdefizite und systemische Restriktionen und politische Widerstände („Reformblockaden“) mächtiger als progressive Kräfte. Kubanerinnen und Kubaner hingegen sind – wenngleich dies aus der „Feder“ eines westlichen Akademikers obszön klingen mag – an Engpässe und geschickte Ausnutzung des vorhandenen Wenigen gewöhnt („aus Wenig mach Viel“), und es mag sich in gewisser Hinsicht eine „Einsicht in die Notwendigkeit“ herausgebildet haben, immer wieder hergestellt im Zuge der früher häufigen Stromabschaltungen. Hinzu kommt in Kuba auch der positiv genutzte Einfluss der Kultur (Martí, u.a.); dadurch ist ein Denkraum bzw. ein Weltbild mit durchaus ökologisch-nachhaltigen Prioritäten entstanden, was wiederum eine gegenseitige Unterstützung des Zusammenhangs zwischen sozialer und ökologischer Sensibilität und Fürsorge ermöglicht.

Im Vergleich zu vielen anderen Ländern, ganz zu schweigen von den meisten der unmittelbaren Nachbarländern, fällt der außergewöhnlich hohe Grad der positiven Thematisierung von Umwelt und Nachhaltigkeit in den (staatlichen) Medien und der Öffentlichkeitsarbeit in Kuba auf – und vermutlich auch positiv ins Gewicht. Die historischen Bezugnahmen auf José Martí, die Bildungsprogramme und Werbespots im Fernsehen (hervorzuheben ist die „Universidad para todos“), die Ansprachen von Führungspersönlichkeiten auf allen administrativen Ebenen (z.B. die von Fidel Castro proklamierte „Schlacht der Ideen“), programmatische Schriften und unzählige Artikel in den Printmedien erzeugen gewissermaßen einen öffentlichen Referenzrahmen, in welchem ethischen und moralischen Werten eine hohe Priorität beigemessen wird, und dies auch immer wieder (mehr oder weniger zutreffend) mit exemplarischer Politik und konkreten Maßnahmen untermauert wird.

Die Importabhängigkeit Kubas in Bezug auf Lebensmittel und Energie ist ein lange schon existierender, mit dem Kolonialismus gewachsener Zustand. Sowohl unter der Herrschaft Spaniens als auch der USA, danach in anderer Form durch die Einbindung in den RGW wurde eine eigenständige und selbst bestimmte Entwicklung verunmöglicht bzw. erschwert. Die Position Kubas im Rahmen der nach neoliberalen Maßgaben hierarchisierten internationalen politischen Ökonomie ist – trotz einiger Spezifikationen (hoch qualifizierte Arbeitskräfte, einige wenige wichtige Rohstoffe) – sehr peripher. Das daraus sich ergebende Bewusstsein von Abhängigkeit dürfte mit dazu beitragen, dass Kuba kaum „über seine Verhältnisse leben“ kann/will. Eine ähnlich grundlegende Rolle dürfte die Insellage Kubas spielen, das damit tendenziell einhergehende Bewusstsein der Grenzen der eigenen Insel (bzw. des Archipels), das umgrenzt ist von Meer und im Falle Kubas von einem in mehreren Hinsichten „feindlichen“ Nachbarn. Ein solches Bewusstsein von „Insellage“ könnte demnach auch als ein weiterer ökologischer Positivfaktor wirken.

Ein weiterer struktureller Faktor dürfte mit der Größe und Spezifik des Landes zu tun haben. Kuba ist hinsichtlich Fläche und Einwohnerzahl eine kleine Nation (etwa wie Dänemark, Österreich, Schweiz, Schweden, Finnland). Dadurch ist eine gewisse Überschaubarkeit gegeben, eine traditionell recht hohe Dichte von Kommunikationszusammenhängen, von verwandtschaftlichen und nachbarschaftlichen Beziehungsmustern, und auch die Distanz zwischen Entscheidungsträgern/ Parteieliten und Bürgern scheint um Einiges geringer zu sein als die in großen Gesellschaften. Diese Konstellation dürfte auch zur Ausbildung eines vergleichsweise hohen Grades von Wohlfahrtsstaatlichkeit und Solidarität (wie z.B. in Schweden, Dänemark und Österreich) beigetragen bzw. diese begünstigt haben. (Zu einer solchen Gestaltung bedarf es allerdings nicht nur „objektiver“ geografischer, sozialstruktureller Gegebenheiten, sondern auch kollektiv wirksamer sozialer und politischer Akteure). Kuba ist übermächtigen Naturgewalten unmittelbar ausgesetzt. Hierfür sind vor allem die lang dauernden Perioden der Wirbelstürme zu nennen, die immer wieder vor Augen führen, dass Natur(-gewalten) Ernst genommen werden müssen und dass ein möglichst intelligenter Umgang damit gelernt werden sollte. Die aufgrund der Klimakatastrophe zahlreicher und zerstörerischer werdenden Hurrikane richten alljährlich enorme Schäden an und verursachen immense Kosten für Prävention und (bislang sehr erfolgreichen) Schutz. Aufgrund der systematischen Präventions- und Schulungsmaßnahmen ist dieses Betroffenheitsgefühl in der kubanischen Bevölkerung sehr gegenwärtig.

Ein ähnlich wirkungsmächtiger Faktor kommt mit der Auflösung des RGW/COMECON und des Zusammenbruchs der realsozialistischen Staaten Osteuropas für Kuba hinzu. Mit dem Wegbrechen von 85% der Außenmärkte und dem Einbrechen des Bruttoinlandsprodukts um über ein Drittel binnen kürzester Zeit zu Beginn der 1990er Jahre ergab sich eine tiefe ökonomische Krise („período especial“), die unter anderem zu einem besonders sorgsamen Umgang mit allen Arten von spürbar begrenzten Ressourcen zwang. Vor dem Hintergrund der sich daraus ergebenden Notlage wurden dann – durch die innovativen, pragmatischen Entscheidungsträger in Kuba – erstaunlich schnell alternative, tendenziell ökologische und nachhaltige Lösungswege gesucht und zum Teil sehr vehement verfolgt (z.B. Energieeffizienz).

Neben diesen eher „objektiven“ Faktoren sind hier noch dezidiert gestaltende Faktoren zu skizzieren. Das kubanische Regierungssystem spielt die zentrale und bestimmende Rolle für den gesellschaftlichen Wandel. Die Staatsführung hat einen selektiven Zugang zum neoliberal-kapitalistischen Weltmarkt gewählt statt sich vollständig zu öffnen, auszuliefern und abhängig zu machen. Dadurch sind die kapitalistischen Zwänge (Ausbeutung, Vernichtung von Subsistenzwirtschaft, Erzeugung bzw. Verstärkung sozialer Ungleichheiten, unbegrenzte Konsumanreize etc.) im Vergleich zu den meisten anderen Staaten nur vermittelt wirksam und daher nur punktuell zu berücksichtigen. Daher vermag Kuba seine eigenen sozialistischen Werte und Gesetzesgrundlagen verfolgen und die Einflussmöglichkeiten von Konzernen sind hingegen begrenzt, die aus der Kapitalverwertung folgenden Zwänge sind noch recht schwach. Kubas Regierung trotzte bislang erfolgreich beispielsweise den Zwängen der Auslandsverschuldung und muss daher keine Auflagen á la „Washington Consense“ befolgen.

Flankiert wurde diese pragmatische und zugleich ideologisch untermauerte Rettungs- und Vorwärtsbewegung in Kuba einerseits durch die notgedrungen erforderlich gewordene Distanzierung von den zusammengebrochenen „realsozialistischen“ Gesellschaften Osteuropas, und deren nicht als positiv und anstrebenswert wahrgenommenen „Verwestlichung“, und andererseits durch Beobachtung der (Fehl-)Entwicklungen in einigen lateinamerikanischen Nachbarstaaten (z.B. Nicaragua, Kolumbien, Argentinien) oder auch der problematischen gesellschaftlichen Trends in der VR China.

In diesem Zusammenhang sei auch für Kuba auf die maßgebliche Rolle von Entscheidungsträgern und Führungspersonal, also auch den „subjektiven Faktor“ hingewiesen. Einen deutlich positiven und direkt wahrnehmbaren und nachvollziehbaren Erfolgsfaktor für Nachhaltigkeitspolitik stellt die Positionierung hoch motivierter, hoch qualifizierter und anerkannter autoritativer Persönlichkeiten („leadership“ im besten Sinne des Wortes) in nachhaltigkeitsrelevanten Themenbereichen, Rollen und Ämtern dar. Kuba besitzt außerdem eine lange Tradition für ökologisches bzw. nachhaltiges Denken, auf das wiederum die Führungskräfte immer wieder Bezug nehmen. Die reflektierte Haltung wird von den Führungspersönlichkeiten Kubas auch international immer wieder proklamiert, und kommt als deutliche Kritik gegen die westlich-kapitalistischen Gesellschaften zum Ausdruck: Dabei werden auch ansonsten im Kontext von Nachhaltigkeit selten genannte Aspekte, wie z.B. Aufrüstung und Kriegsführung, offen thematisiert und eine prononcierte alternative Haltung zum Ausdruck gebracht.

Fazit

Kuba kann demnach in Sachen Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik in vielen Hinsichten als sehr positiv und als „auf dem richtigen Weg befindlich“ eingeschätzt werden. Dort werden tatsächlich recht erstaunliche Maßnahmen durchgeführt und Ergebnisse erzielt, es werden sehr progressive und beachtenswerte Aktivitäten auf den Weg gebracht und umgesetzt. Der Verbrauch von Rohstoffen, der Ausstoß von Emissionen, das Aufkommen von Müll etc. sind noch vergleichsweise gering. Zugleich sind ökologische und soziale Standards relativ weit entwickelt, speziell was Bildung und Gesundheitsversorgung anlangt. Rechtliche Vorgaben, vielfältige Programme und Projekte sind teilweise vorbildlich. Und die in der Regierung und zahlreichen staatlichen Institutionen vorherrschenden Vorstellungen über die Entwicklungsrichtung Kubas sind sehr kompatibel mit dem Leitbild und den Prinzipien der Nachhaltigen Entwicklung.

Allerdings ist auch in Kuba – wie in anderen Staaten, inklusive Deutschland oder der EU insgesamt – noch immer eine deutliche Kluft zwischen den ambitionierten proklamierten Zielen einerseits, und deren Realisierung andererseits festzustellen. Mit hinein spielt im Falle Kubas allem Anschein nach die mit nur geringer Vehemenz erfolgende Ahndung von Verstößen z.B. gegen Umweltschutzregelungen. Die Diskrepanz zwischen den offiziellen Proklamationen und gesetzlichen Vorgaben, und der praktischen Umsetzung im Bereich Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik im Falle Kubas kann durch verschiedene Faktoren und deren Zusammenwirken erklärt werden.

Eine wesentliche Ursache sind wohl die sehr begrenzten finanziellen Mittel, die der kubanischen Regierung und den staatlichen Organen zur Verfügung stehen. Hier sei nochmals auf die von den USA ausgehende Isolationspolitik gegen Kuba verwiesen: Kuba hat dadurch keine Chance, durch den Pariser Club oder den Londoner Club Kredite zu erhalten; Kredite sind daher für Kuba meist nur zu stark erhöhten Zinsforderungen möglich gewesen. (Durch intensivierte Handelsbeziehungen Kubas zur VR China und Venezuela scheint sich dies zu verbessern). Daneben spielen aber auch teilweise bürokratische Strukturen, überforderte Beamte, unzulängliches Bewusstsein der Relevanz von Nachhaltigkeit bei Entscheidungsträgern und insgesamt eine gewisse Art von Zurückhaltung/Passivität eine Rolle dafür, dass in Kuba die Potentiale für eine nachhaltige Entwicklung noch nicht hinreichend genutzt worden sind.

Hinzu kommen womöglich auch soziokulturelle und psychologische Aspekte wie zum Beispiel das, was man eine lateinamerikanisch-karibische Mentalität des entspannten Laisser-faire nennen könnte. Im Falle Kubas – in Zeiten der „período especial“ noch spürbarer – zeigt sich diese entspannte und letztlich humane Haltung in Form einer starken Toleranz gegenüber den mit den Alltagsnöten ringenden Mitbürgern und deren immer wieder praktizierten mehr oder weniger großen Übertretungen von Umweltschutzbestimmungen.

Verwiesen sei hier auf eine weitere wesentliche Ursache für die begrenzte Nachhaltigkeit: die unzureichende Effizienz in weiten Sektoren der kubanischen Industrie, der Landwirtschaft und des privaten Konsums. Das macht sich auch im Individualverkehr deutlich, also z.B. bei den zahlreichen alten (US-)Automobilen mit ihrem immensen Benzinverbrauch und dem exorbitanten Schadstoffausstoß. Weitere Probleme ergeben sich – wie oben gezeigt worden ist – durch die zwiespältigen Einflüsse des Massentourismus (Verschwendungsniveaus wie in Westeuropa; ungleiche Zugänge von Kubanerinnen und Kubanern zu Devisen und Produkten).

Wenn es darum geht, dass die in der Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik beteiligten Akteure genau und kritisch reflektieren, worauf die erwähnte Diskrepanz zwischen „Sollen und Sein“ zurückzuführen ist, tun sich auch die jeweils Verantwortlichen etwas schwer, nicht vorschnell bzw. ausschließlich auf externe Faktoren zu verweisen. In diesem Zusammenhang mangelt es in Kuba noch, wie so häufig auch in anderen Staaten, an angemessenen Optimierungsmechanismen wie aufwandsarmen und effektiven Monitoringverfahren, um die konkreten Defizite sukzessive festzustellen, zu überwinden und die Diskrepanzen zu reduzieren.

Perspektiven

Wie für alle anderen heutigen Gesellschaftssysteme stellt sich auch für Kuba die Frage, ob denn die bisherigen Aktivitäten in Richtung Nachhaltigkeit hinreichend sind. Denn selbst die in dieser Hinsicht bislang ansatzweise erfolgreiche kubanische Politik weist eine nur begrenzte Wirksamkeit auf und wird durch die oben skizzierten aktuellen Herausforderungen und gegenläufigen Tendenzen absehbar noch stärker als bisher beeinträchtigt werden. Aufklärende und mobilisierende Kampagnen als Charakteristik der kubanischen politischen Kultur stellen nur einen Strategietypus dar. Aber daneben existieren noch weitere Typen wie Ordnungspolitik, Ge- und Verbote, Preismechanismen (Internalisierung externalisierter Kosten), Steuerpolitik etc. Damit ist wieder einmal – wie im Kontext der Sozialstaatsdebatten – die grundlegende Frage nach den Anreizstrukturen für steuernde Politik bzw. sich selbst steuernde Gesellschaften gestellt, also die Frage, welche der unterschiedlichen Ansätze besonders erfolgreich sein könnte oder besser, welches Mix zum Beispiel für Kuba festzustellen ist und wie dieses optimiert werden könnte. Im Falle Kubas sticht hervor, dass klare staatliche Aktivitäten wirkungsvoll waren und sind, vielleicht weil sie ein passendes Pendant gegenüber der Macht von starken Wirtschaftsbranchen und Konzernen (also: dem Prinzip „Kapital“) darstellen. Vermutlich ist aufgrund der Dringlichkeit – nicht nur für Kuba – zuvörderst ein noch weiter zu demokratisierender Staat in der Lage, den derzeitigen nicht-nachhaltigen Trends effektvoller als per Marktmechanismus zukunftsweisende Aktivitäten und die Prinzipien der Nachhaltigkeit zu verwirklichen und die komplette Zerstörung menschlicher Existenzgrundlagen aufzuhalten.

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